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Montag, 9. Mai 2005, 2:00 Uhr

An der Stätte eines Verbrechens ...

Radtour zum Gedenken an zehn serbische Zwangsarbeiter

Info Archiv Norderstedt | Die etwa 16 Mann starke Gruppe der Serben lebte seit 1941 in einer Unterkunft in Kampen und arbeitete auf Bauernhöfen in der Umgebung. Sie konnten sich nach Angaben des Trägervereins KZ-Gedenkstätte Kaltenkirchen frei bewegen und kehrten jeden Abend nach der Arbeit in ihre Unterkunft zurück. Am Abend des 3. Mai 1945 herrschte eine gespenstische Atmosphäre. Den ganzen Tag über war auf den Straßen lebhafter Verkehr gewesen. Deutsche Soldaten auf dem Rückzug, sich absetzende SS-Einheiten und fliehende Nazigrößen hatten die Straßen belebt. Nun war Ruhe eingekehrt, eine ungewöhnliche Stille breitete sich aus, als hielte jedermann den Atem an, so kurz vor dem Eintreffen der Engländer. Eine aus Hamburg gekommene SS-Einheit hatte sich in der Nähe zur Übernachtung niedergelassen. Gegen 22.00 Uhr betraten sie die Unterkunft der Serben und griffen sich jeweils zwei von ihnen heraus, entfernten sich mit ihnen etwa 300 Meter und erschossen sie. Das ging so Zug um Zug, bis schließlich die noch verbliebenen Serben zu fliehen versuchten. Zwei von ihnen wurden dabei erschossen, vieren gelang die Flucht. Von einem ist überliefert, dass Bauer Möller ihn auf dem Dachboden verstecken konnte. Ein anderer hatte an der Mordstelle nur eine Fleischwunde erhalten und sich tot gestellt. Er überlebte verletzt und war später ein wichtiger Zeuge der Mordtat.

Warum mordeten die SS-Leute? Waren sie von einem jungen deutschen Landarbeiter (damals 16 Jahre alt) gegen die Serben aufgehetzt worden? War es ihr Frust über den verlorenen Krieg? Es wird im Dunkeln bleiben. Schon in den ersten Monaten nach der Kapitulation wurden in Kampen durch englische und jugoslawische Offiziere Untersuchungen angestellt, die aber im Sande verliefen. Auch 1962 wurde ein Verfahren der Staatanwaltschaft in Kiel ergebnislos eingestellt, freilich unter merkwürdigen Umständen, da das Ermittlungsmaterial der englischen und jugoslawischen Unterzuchungsbehörden überhaupt nicht einbezogen worden war.

Am 60. Jahrestag der Befreiung vom Deutschen Faschismus diskutierte die RadlerInnengruppe vor Ort sehr kontrovers die Frage, ob die Bevölkerung von Kampen und die örtlichen Kräfte (nämlich Polizei und in der Nähe kampierende Soldaten) nicht hätten eingreifen und die Morde verhindern können. Was vorging, hatten alle mitbekommen. Die Einwohner verharrten offensichtlich ängstlich hinter ihren Gardinen. Werden heutige Maßstäbe angelegt, hätten sie handeln müssen. Die TeilnehmerInnen der Veranstaltung meinten aber auch die Frage stellen zu müssen: Was hätten wir in der damaligen Situation getan? Ängste, Vorprägungen, Einstellungen gegenüber den serbischen Menschen, die ganze gespenstische Atmosphäre am Vorabend des Kriegsendes, alles dies und manches mehr dürften eine Rolle gespielt haben.

Die Radtour endete auf dem Kaltenkirchener Friedhof, wo die zehn ermordeten Serben ihre letzte Ruhestätte fanden. Dass sie dort ein ordentliches Begräbnis erhielten und ihre Namen im Kirchenbuch verzeichnet wurden, hatte Bauer Möller veranlasst und Pastor Thies in die Wege geleitet. Heute finden wir dort zwei größere Gedenksteine vor, in die die Namen der Serben eingraviert sind. Wer die ansehnliche Gräberstätte gestaltet hat und wie sie dorthin gekommen ist, weiß heute niemand. Die überlebenden serbischen Kameraden und die Familien der Opfer? Nicht nur nach Meinung der Kaltenkirchener Historiker um Dr. Gerhard Hoch und Jürgen Gill gäbe es in der Angelegenheit noch Einiges zu erforschen.

Veröffentlicht in Geschichte mit den Schlagworten Polizei